Der Test
12. Januar. 2025
Ich habe bis jetzt nur wenige Leute überreden können, sich auch für das zu interessieren, was mich interessiert und selbst nahe Freunde verkünden gerne, sie hätten gesehen, ich hätte da einen Text geschrieben, sie hätten ihn aber nicht gelesen. Meine Texte, die niemand liest, werden regelmäßig in mehrere Sprachen übersetzt, denn sie erscheinen in der Kunstwelt. Dieses Verschieben von Bedeutungen und Halbsätzen gefällt mir immer auch dann besonders gut, wenn ich die Zielsprache selbst nicht verstehe. Ich kenne also mein Publikum nicht, bin nicht mal sicher, ob ich eins habe. Deshalb schreibe ich euch. Früher habe ich öfter mal Besprechungen gepitcht und auch geschrieben. Dass ich sie auch geschrieben habe, lag daran, dass die Zeitschriften meine Vorschläge aus bestimmten Gründen nicht ablehnen konnten. Jetzt können sie meine Vorschläge ablehnen und tun es aus. Aber ich schreibe hier nicht aus Bitterkeit, oder nicht nur. Nicht nur werden meine Vorschläge abgelehnt, die die (anderswo, von anderen) angenommen werden, sind oft nicht wahnsinnig interessant. Ich will nur über das sprechen, was ich gesehen habe. Das ist alles.
Das Format Newsletter ist ein Versuch. Sympathisch als Textsorte, die man genauso gut wegwerfen kann wie lesen. Darin steckt seine Großzügigkeit. Hoffe ich zumindest. Andere Social Media Formate können zumeist nur den Witz aufführen, der sie sind (Sternchenskala, 1 Punchline pro Ausstellung usw.) Und der Gen Z Art Criticism ist leider schrecklich, wegen des Namens und wegen dem, was drinsteht. Wo also sonst, als in deinem Posteingang. Herzlich willkommen.
Wenn es scheint, als sei der Preis der Beliebtheit der des Unproblematisch-Seins, dann greift eins von zwei eigentlich immer konservativen Argumenten: Dass falsch gekämpft wurde. Das andere eigentlich konservative Argument besagt, dass genug gekämpft wurde, und man sich post- eben jener Unterscheidung oder jenes Machtgefälles oder jenes Ausschlusses befindet, den es zu bekämpfen galt.
Dieser Gedanke drängt sich durch zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen auf, die ich kürzlich besucht habe, beide in München. Und die Bewegungen, oder gar Kämpfe, die sie mehr oder weniger klar als Kämpfe und Bewegungen in den Blick nehmen, sind der Surrealismus einerseits und der (künstlerische) Netzaktivismus der 90er Jahre andererseits. Beide Ausstellungen verhalten sich sehr unterschiedlich zu dem, was sie jeweils als politische Anliegen hervorheben. Also zu dem, was die Kunst will, die sie ausstellen, und welche Ideen einer Zeit, die auch über Kunst hinausgehen, sich darin spiegeln. Das soll nicht heissen, dass es eine von beiden besser macht als die andere, und auch keinen Trend („alle schauen traurig zurück“ oder „Kunst, die vor Faschismus warnt“) beschwören, sondern nur einen Gedanken entwickeln helfen, der sich verstärkt beim Betrachten mehrerer Ausstellungen. Weil er beginnt und sich dann verstärkt und auch die nächste Sache einfärbt, die man sieht. Manchmal hilft es über zwei Sachen zu sprechen, wenn man über eine Sache sprechen will.
Hier also der Surrealismus einerseits, dessen klare Umrisse und personale Einschränkung etwas aufgeweicht werden und daneben eine Gruppe von Künstler*innen und Arbeiten, die eigentlich keinen Begriff haben, der sie eint, die kein -ismus sind. Um mein Argument einer die beiden Ausstellungen auszeichnenden Reflektion einer Vereinnahmungslogik und ebenso deren eigentlich konservativer Wurzeln zu beschreiben, brauche ich hier noch einen speziellen Abend des Rahmenprogramms der Ausstellung „Key Operators“ im Kunstverein München. Nämlich den Besuch von Sadie Plant, die am 23.10. über Zeros and Ones und was sich in den letzten vierzig Jahre an ihrem Thema und Zugriff darauf geändert hat. Bei dieser Veranstaltung entstand, insbesondere in der Diskussion mit dem Publikum, der Kontrast, den „Aber hier leben? Nein Danke“ im Lenbachhaus für einen andere Zeitraum herstellt: Dass es bei der Kunst, als sie entstand, um etwas anderes ging, als um das, worum es heute bei ihr geht. Was natürlich ein altes Kunstkritikproblem ist, dass die Verehrung dem was da eigentlich Interessantes passiert, im Weg steht und es verzerrt, und es auf einmal (oft genug) um bestimmte Leute und ihre ganz speziellen Leben und ihre freiwillig und unfreiwillig gemachten Erfahrungen geht, kurz: um das elende Genie.
Zeitgenössische Ausstellungen des Surrealismus können vermutlich gar nichts anderes tun, als zu versuchen, die Bewegung von genau dieser Art von Kitsch zu befreien, von Dalí, von totgedruckten Motiven, die nichts mehr bedeuten, oder nur so viel wie Werbebilder, also immernoch viel, aber eben nicht mehr so viel, oder so verschiedene Sachen, wie Kunst.
Vor einigen Jahren etwa führte eine große Surrealismus Show im MoMA den Surrealismus als globale Bewegung auf (NAME), und strafte damit die Erzählung, dass es vor allem einige europäische Männer waren, die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts erfolgreich und ohne Sinn schräg drauf gekommen seien und ihre Träume gemalt hatten, lügen. „Aber hier Leben“ macht das nicht, erwähnt auch an keiner Stelle Tocotronic. Stattdessen macht die Ausstellung im Lenbachhaus in München das Argument für einen politischen Surrealismus, einen antifaschistischen (dessen Diskussion leider in das ferne New York verlegt wurde, und nicht im München, das seine Nazi-Vergangenheit in direkter Umgebung ja sehr ausführlich diskutiert). Man kann, und manche haben das getan, der Ausstellung zu ihrer Aktualität gratulieren, aber interessanter scheint mir, zu betrachten, wie die Kunst ihren (antifaschistischen) Kontext loswurde. Der Surrealismus von Lee Miller ist Beispielhaft für dieses Problem: Die gutaussehenden toten Nazis, der Spaß der lebendigen Fotografin an der Selbstinszenierung. Das ist zum Teil sehr irritierend. Dass Betrachter*innen die Bilder auch nicht irritierend finden können, weil sie mit einer (inzwischen vielleicht noch mehr als damals) eingängigen Form, als gutes Dokumentarbild, gute Komposition hergestellt wurden, und nicht mehr nur den absurden Kollaps zwischen Welten und Vorstellungen von ihnen bedeuten könnten, ist ihre Gefahr.
Es gibt ja, ebenfalls in München, ebenfalls im Lenbachhaus, die Sammlung die unter anderem die Kunst zeigt von denen, die, obwohl sie genau die waren, die eine wirklich echte Revolution gemacht haben, nicht die sind, die für revolutionäre Kunst bekannt sind. Die sich an bestimmten Bildkonventionen abgearbeitet haben, und gleichzeitig die Räterepublik aufgebaut haben, ohne dass man das den Bildern unbedingt ansieht.
Der lange U-Bahnkeller des Lenbachhauses, der für die Sonderausstellungen da ist, hat diese Beispiele revolutionärer Kunst: Politische Collagen und Manifeste-schreibende Maler*innen. Das „Aber hier leben? Nein Danke“ bezieht sich dabei einerseits auf das Exil, in das die Protagonst*innen gedrängt wurden, es spiegelt sich aber auch die Umgebung wider, in der die Künstler*inne blieben und die zunehmend fremd und seltsam und irgendwann albtraumhaft wurde.
Naomi Klein schreibt in ihrem jüngsten Buch „Doppelgänger“, dass sie immer wieder, und unter den Bedingungen einer vor allem digitalen Öffentlichkeit, häufiger mit ihrer Namensvetterin Naomi Wolf verwechselt wurde. Die sich, und das machte die Verwechslung zunehmend irritierend, in dieser Zeit zu einer scheinbar geläuterten Ex-Linken, zur Ex-Feministin und Ex-Liberalen und damit zum Lieblingsgast in unter anderem Steve Bannons Podcast entwickelte. Wolf wurde dabei zum Zeichen, zum Argument, im Sinne des oben beschriebenen Vorwurfs: Das was auch sie vertreten hätte, liberale Werte, Feminismus, sei ebenso so sehr zu weit gegangen, wie es von Anfang an falsch lag. Mit Hilfe dieser Untersuchung der Entscheidungen und des sich verändernden politischen Profils ihrer Doppelgängerin, beschreibt Klein (die immernoch linke Autorin) vom Faschismus als unheimlichem Doppelgänger, als Schattenseite, ein schlechter Traum, der beginnt sich mit der Realität zu mischen und diese, in den Suchanfragen, den Argumenten und den Bildern, zu übernehmen.
Im Kunstverein, der mit „Key Operators“ eine Neuschreibung der Technikgeschichte des Computers im Hinblick auf die weiblichen Protagonisten dieser Geschichte vornimmt, mit Künstler*innen, die sich auf das Weben als zentraler Kulturtechnik und die Frauen als zentrale Kulturtechniker*innen bezogen, um Teppiche und Objekte und Zeitschriften und Poesie zu produzieren, geht es zunächst nicht um den Schutz vor einer Vereinnahmung durch die Falschen. Aber als Sadie Plant, deren Zeros and Ones stichwortgebend für die Ausstellung war, sprach, zeigte sich ein ähnliches Problem. Zeitgenössischer nicht nur in der Auswahl der Arbeiten, sondern auch im kuratorischen Ansatz, herstory zu schreiben, nicht Vereinnahmung zu erzählen, sondern Infrastrukturen in den Blick zu nehmen und als ermöglichend zusammenzubringen, zeigte sich hier das Vereinnahmungsproblem erst auf den zweiten Blick (dem die Lenbachhaus-Ausstellung widersprach, das die Kunstvereins-Ausstellung nicht ganz loswurde, nicht dass es zu verhindern gewesen wäre, oder überhaupt uninteressant gewesen wäre).
Plant, die zugab schon lange nicht mehr über das Thema der Zeros and Ones und der feministischen Möglichkeiten der Technologie nachgedacht zu haben (und von der ich gar nicht wusste, dass sie überhaupt noch schreibt, über Technologie, Kunst oder anderes), versuchte also ihren Text an Hand der aktullen Ausstellung, in deren Rahmen sie sprach, zu aktualisieren. Sie schloss damit die (nicht ausgestellten) Installationen von Elsi Giauque, die mit sich überlagernden Grids und daraus entstehenden Moiree Effekten arbeiten, als Aussicht zu beschreiben, wieder interessante Dinge mit dem Internet und der Technologie zu tun und zu denken (was ich für Quatsch halte, besser verweisen sie doch auf verzerrende, manchmal schöne und lustige, manchmal bizarre und überaus hässliche Netzwerkeffekte). Im Anschluss meldeten sich immer mehr Leute aus dem Publikum, für die Plant offenbar auch eine wichtige Stichwortgeberin gewesen war, und die aber auch ihre Zweifel diskutieren wollten, dass sich tatsächlich noch etwas interessantes mit dem Internet und der Technologie machen liesse. Sie beschwerten sich. Sie wollten korrigieren. Es ging weniger darum, Plant zu widersprechen, sondern der Geschichte des Internets. Das war alles so nicht gedacht gewesen. Aber heute könnte man das, was sie damals gedacht hatten, auch nicht mehr so denken. Vom Internet im regulated decline erwartet schon länger niemand mehr etwas. Die Vereinnahmung endet im Elend, mit schmelzenden Uhren auf Kaffeetassen und mit dem misnomer „social media“. Dass die Dinge eben da sind (das Internet, der Surrealismus auf Kaffeetassen) kann ihnen (den Diskutierenden und den Künstler*innen) nicht zum Vorwurf gemacht werden. Keine von denen, die dort sprachen, arbeiteten inzwischen bei Google, wie so viele andere in München.
Noch zu erwähnen ist hier die das traurige Bild von Magritte, das die Ausstellung über den Surrealismus abschloss, L’ombre terrestre (Der Schatten der Welt), ein geknickter Dino fast am Ende der Surrealismus- Ausstellung, der daran erinnert, dass erschöpfte Linke sich irgendwann den ganz großen Zeitabständen zuwenden, den Millionen, den Sternen, dem Klima als Abfolge von Mass Extinction Events. Es scheint gut zu funktionieren auf Instagram.







